Am 31. Juli 2026 traf Papst Leo XIV. in einer 40-minütigen Privataudienz im Apostolischen Palais des Vatikans mit der amerikanischen Rockmusikerin, Dichterin und Künstlerin Patti Smith zusammen – der sogenannten »Patin des Punk«. Beide stammen aus Chicago. Anwesend war auch Pfarrer Antonio Spadaro. Von der Begegnung existieren mehrere offizielle Fotos sowie ein Video.
Diese harmlose Begegnung, die wohl vor allem einen Austausch von Höflichkeitsfloskeln beinhaltete und kaum etwas von großer Bedeutung für die Kirche, wirft für mich Fragen auf.
Mich beschäftigt seit längerem die Beobachtung, dass die Päpste seit Johannes Paul II. bei derlei Gelegenheiten zunehmend in einem rein informellen Ton sprechen – sei es im Flugzeug oder am Straßenrand, wie kürzlich Papst Leo XIV. in Castel Gandolfo. Sie geben spontane Interviews, äußern persönliche Meinungen. Sie sind für alle zugänglich, die sich mit ihnen fotografieren lassen möchten. Angesichts der Last und der Verantwortung eines Papstes – hat er wirklich nichts Wichtigeres zu tun, als solche Privataudienzen zu gewähren, besonders dann, wenn die Petenten aus dem Showbusiness oder einer kulturellen bzw. elitären Welt kommen? Solche Auftritte verstärken beim säkularen Publikum den Eindruck, der Papst sei im Grunde nichts anderes als ein weiteres Mitglied der internationalen Elite. Der bescheidene Fischer von Galiläa kannte eine solche »Glanzwelt« nicht. Auch Paulus suchte nicht den Scheinwerferlicht, sondern ging in den Areopag von Athen, um das Evangelium zu verkünden. Auf Protokollpflichten oder bedeutsame Staatsbesuche möchte ich hier nicht eingehen.
Zu den Begünstigten einer Privataudienz gehört etwa Emma Bonino, die ihr Leben lang im Widerspruch zur Lehre der Kirche stand. Papst Franziskus besuchte sie sogar privat in ihrer Wohnung am 5. November 2024. Doch die Aufgabe eines Papstes ist nicht die individuelle Seelsorge. Auch sollte er nicht durch Bilder lehren, sondern durch klare Worte.
Nicht zu vergessen sind die wiederholten und langwierigen Gespräche und Telefonate dieses Papstes mit dem Atheisten Eugenio Scalfari, Gründer der linksgerichteten Zeitung »La Repubblica«. Aus dem Gedächtnis rekonstruierte Scalfari daraus düstere Interviews. Mehrfach musste der Vatikan sich von angeblichen Äußerungen des Papstes distanzieren. Bei Papst Franziskus schien sich diese Vorgehensweise – Andeutungen bei gleichzeitiger Zurückhaltung in Glaubensfragen – fast zu einer Methode zu verfestigen. Vor allem aber möchte ich darauf hinweisen: Empfängt ein Papst solche Personen in Privataudienz, so kann er sich aus Höflichkeit ihnen gegenüber später nicht mehr öffentlich von ihnen distanzieren. Diese Audienz wirkt daher auf viele als eine Verharmlosung dessen, wofür diese Menschen stehen. Auf diese Weise verblasst der Papst selbst die Position der Kirche und – je nach Umständen – bringt er Gläubige sogar in Verlegenheit.
Je weniger der Papst gleichzeitig die unverkürzte Glaubenslehre hochhält, öffentlich falsche Ansichten solcher Personen korrigiert und Missständen (vgl. die Ausnutzung von Privataudienzen mit dem Papst zur Förderung der eigenen LGBT-Agenda durch den Jesuiten James Martin) Einhalt gebietet, desto mehr Bedeutung gewinnen diese Audienzen im falschen Licht.
Ich glaube, dass auf diese Weise die letzten Päpste an Autorität und geistlichem Kapital eingebüßt haben. Ihre Persönlichkeiten (Spin-Doktoren brauchen Bilder) stehen im Mittelpunkt. Ihre privaten Neigungen und nebensächlichen Details werden zu Botschaften an die breite Öffentlichkeit und rücken in den Vordergrund. Wir sehen Papst Benedikt am Klavier oder Papst Franziskus in einem zu kleinen Fiat durch Rom fahren, um einen persönlichen Wunsch zu erfüllen.
Päpste haben doch wahrlich Wichtigeres zu tun, als selbst für ihr Hotelzimmer aufzukommen, wie Franziskus zu Beginn seines Pontifikats tat. Hätten sie dafür überhaupt Zeit? Haben sie genug Zeit, in stiller Zwiesprache vor Gott zu verweilen, um sich von Ihm leiten zu lassen? Haben sie genug Zeit, Dokumente zu lesen, zu studieren und Erklärungen zu verfassen, in denen sie wirklich lehren – lehren mit der gebotenen Autorität und Eindeutigkeit –, statt Spekulationen von sich zu geben, die uns in nichts weiterhelfen?
Doch nein – sie müssen ständig an Audienzen teilnehmen, Hände schütteln und Menschen unterschiedslos empfangen. Bei Papstaudienzen nehmen sie selbst die Rolle eines »Kirchenstars« ein und drängen Christus – »das eigentliche Subjekt« – in den Hintergrund. Die päpstliche Kathedra überragt den Altar. Die Heilige Messe auf dem Petersplatz soll doch eigentlich eine Begegnung mit dem HERRN sein und nicht ein »Event« mit seinem Diener, dem Papst – um es etwas polemisch auszudrücken.
Das entzieht sich meinem Verständnis. Sammlungen von Interviews, spontane Äußerungen von unterschiedlicher Qualität, persönliche Auftritte bei allen möglichen Anlässen – etwa die Weihe eines Eisblocks bei einer Klimakonferenz in Rom: All das schadet dem Amt mehr als es nützt. Es kommt einzig jenen zugute, die den Papst für eigene Ziele instrumentalisieren wollen. Und genau das haben die letzten Päpste getan. Man sieht sie – für die Medien und zur Freude von Wirtschaftsführern – im ersten elektrischen Ferrari Probe fahren und ähnliches mehr. Auch hier sollte man die Zwiespältigkeit der Bilder bedenken!
Mir fehlt der gebührende Abstand – im positiven Sinne des Wortes. Ich meine damit keine Kälte, sondern Würde. Sie zeigt sich mehr im Schweigen als im Reden – im Reden zum rechten Zeitpunkt, dann aber in warmen und einnehmenden Worten, in wenigen, klaren und eindeutigen Sätzen. Papst Franziskus zeigte das etwa im Umgang mit Traditionalisten und der Mafia oder im Zusammenhang mit Migration. Er konnte eindeutig die Abtreibung verurteilen und zugleich ihre Befürworter warmherzig willkommen heißen und sogar in wichtige vatikanische Kommissionen berufen. Auch damit untergräbt er die Glaubenslehre der Kirche.
Wir brauchen Unterscheidung im Sinne der Tradition (nicht im Sinne der sogenannten »neuen Synodalität«). Doch den Päpsten bleibt dafür kaum Zeit. Sie verbringen sie mit Audienzen, Begrüßungen, Händeschütteln und Reisen. Ich sehe die Gefahr des Aktivismus. Er verdeckt, dass klare Verurteilungen ketzerischer Positionen ausbleiben, die auch von Bischöfen vertreten werden (vgl. den Synodalen Weg). Diese Positionen müssen klar benannt und ihre Vertreter zurechtgewiesen oder ihres Amtes enthoben werden.
Dringende Fragen wie die nach der Liturgie werden aufgeschoben. Die Kardinäle als Ratgeber des Papstes haben kaum Mitspracherecht.

Quelle: Daniel Ibañez/CNA
Papst Johannes Paul II. – ob er wollte oder nicht – verlieh seinen öffentlichen Auftritten als Papst den Charakter eines Superstars, besonders durch die Weltjugendtage. 2003 veröffentlichte er das »Römische Triptychon – Meditationen«, einen neuen Zyklus von Gedichten. Der Vatikan dokumentierte dessen offizielle Vorstellung am 6. März 2003, als handle es sich um eine bedeutsame lehramtliche Äußerung desselben Autors. Schon als Präfekt der Glaubenskongregation veröffentlichte Benedikt Sammlungen von Interviews – eine Praxis, die er als Papst fortsetzte. Mit seinen wertvollen Büchern über Jesus wollte er nicht lehramtlich als Papst wirken, sondern einen akademischen (?) Beitrag leisten, wie er ihn schon als Universitätsprofessor verfasst hatte.
Das alles ist ungewöhnlich für Päpste, die doch lehramtlich unterrichten sollen. Papst Franziskus legte mit einem Mal gleich mehrere Autobiografien vor – eine für Päpste bisher undenkbare Gattung. Auch schrieb er sie nicht selbst, wie man annehmen könnte. Durch all diese Neuerungen wuchs die mediale Darstellung seiner Persönlichkeit und seines Stils fast zur größerer Bedeutung als das, was er lehrte oder lehren sollte. Im Medienzeitalter ging es darum, möglichst gut anzukommen. Das zeigte sich auch bei Papst Franziskus. Jede Risse in seinem Image wurden von den Medien schnell ausgebessert (vgl. seine derbe Reaktion auf dem Petersplatz, als eine Chinesin ihn am 31. Dezember 2019 am Ärmel packte und zu sich heranzog, und das nötige »mea culpa« beim Angelus am folgenden Sonntag).
Doch damit der HERR sichtbar wird, müssen andere Dinge – das Unwesentliche, das allzu Persönliche – in den Hintergrund treten. Die Medien aber lieben es geradezu, genau Letzteres zum Hauptattraktion zu machen: das Schwimmbecken oder den Tennisplatz in Castel Gandolfo, die schwarzen Schuhe unter der weißen Soutane, der abgetragene Ledergeldbeutel aus alten Tagen, Benedikts niedliche Katze, das Klavier, den Fiat, den Ferrari. Die Liste wird immer länger. Wen kümmert das schon, wenn Päpste Lehrer der Wahrheit sind? Eine geoffenbarte Wahrheit! Meines Erachtens brauchen sie dafür keine anstrengenden und körperlich zehrenden Reisen zu unternehmen – für diese Wahrheit –, wenn ein einziger Satz von ihren Lippen in Windeseile die Welt umrunden kann, ohne dass sie dafür sich rühren müssten.
Wie viel persönliche Energie geht dabei verloren – Energie, die dann an anderer Stelle fehlt (auch wegen ihrer steten Abwesenheit): in der Leitung der Kurie, in Gesprächen mit wirklich relevanten Personen für päpstliche Entscheidungen, in Arbeitssitzungen zur Vorbereitung solider Erklärungen und zur Koordination der Dikasterien. Ihre Anwesenheit ist doch nicht dazu da, Prozesse nur zu beobachten, die andere initiiert haben, sie laufen zu lassen ohne eigene Führung, sich selbst zum Schüler zu machen oder gar ein guter Zuhörer zu sein. Sind sie nicht die Lehrer der Christenheit, auf deren Worte alle harren? Sitzen sie nicht auf dem Stuhl des heiligen Petrus – und nicht auf irgendeinem anderen? Braucht man sie nicht vor allem in Rom?
Die Päpste sind in der Ausübung ihres Amtes allzu menschlich geworden. Ihre Persönlichkeit, nicht ihr Amt, steht im Mittelpunkt. Das mag einigen gefallen, die ein Foto mit ihnen ergattern möchten, um es später zu nutzen, um ihre ketzerischen Ansichten zu verbreiten.
Die breite Öffentlichkeit möchte sie als volksnah sehen: als ganz normale Menschen wie wir auch. Papst Franziskus wollte Letzteres besonders. Aus diesem Grund benutzte er am 25. März 2017 in Mailand – sehr zum Ärger vieler Gläubiger – spontan eine nahegelegene Chemietoilette, die sein Spin-Doktor Antonio Spadaro natürlich sogleich in den richtigen Kontext setzte. Erst kürzlich ließ er sich von seinem Pfleger im Alltagskleid durch den belebten Petersdom schieben, als wäre er ein ganz normaler Rentner aus der Nachbarschaft (wenngleich mit aller gebotenen Rücksicht auf seine unheilbare Krankheit!). Für mich war das ein weiterer historischer Tiefpunkt für das Papsttum.
Päpste sind doch nicht Menschen wie wir. Sie sollten ihrer Würde als Amtsträger gerecht werden und – als Hüter der Glaubenslehre – wie Johannes der Täufer persönlich zurücktreten, der nichts anderes sein wollte als eine Stimme – freilich eine, die die Wahrheit spricht. Sein eigenes Profil war ihm dabei nebensächlich. Päpste sollten sich stets bewusst sein: Nicht ihre Persönlichkeit zählt, sondern ihr Amt. Das ist ein Kreuz, das sie zu tragen haben. »Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen« (Joh 3,30). Sie sind nur die Freunde und Vertreter des Bräutigams, nicht der Bräutigam selbst. Nur Er ist von Bedeutung und Interesse!